(dpa), Foto: Jörg Carstensen/dpa

Kylie Minogue mit «Disco» zurück in die Musikgeschichte

06.11.2020

Kylie Minogue könnte sich mit ihrer neuen Platte in die Annalen des Pop einschreiben. Sollte sich «Disco» nach der Veröffentlichung an die Spitze der britischen Charts setzen, hätte der Megastar in seiner Wahlheimat in fünf aufeinanderfolgenden Jahrzehnten jeweils ein Nummer-eins-Album veröffentlicht. Das ist bisher noch keiner Solo-Künstlerin im Mutterland des Pop geglückt.

«Ich bin froh, dass mir das nicht bewusst war, als ich das Album gemacht habe», sagt die 52-Jährige im Zoom-Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, «denn dann hätte ich mich unter Druck gesetzt gefühlt. Ich versuche auch jetzt nicht, darüber nachzudenken. Aber klar, wenn ich das schaffen könnte, wäre das unglaublich.»

Was auf ihrer mittlerweile 15. Platte draufsteht, das ist eben einfach auch drin. Mit «Disco» schlägt Australiens Pop-Export Nummer eins einen Bogen über den Dancefloor-Sound ihrer eigenen Karriere - und weit darüber hinaus.

Besonders raffiniert ist ihre Single «Say Something». Kylies melodisch-klarer Gesang bietet einen feinen Kontrapunkt zu knirschenden Gitarrenlicks, anstachelndem Funk-Beat und massigen Chor-Kaskaden. Dieser wohl beste Song auf der Platte ist ein wirklich modern treibender Disco-Hit, der schwer wieder aus den Gehörgängen verschwindet.

Die Single «I Love It» hängt sich unverwechselbar an den Bee-Gees-Sound der 1970er an, mit «Dance Floor Darling» schwelgt Kylie in der Ära des Nachtclubs «Studio 54». Die legendäre New Yorker Diskothek habe sie zu dem Album inspiriert, auch wenn sie den berühmten Tanztempel, der 1986 geschlossen wurde, selbst nie betreten hat. «Die Bilder und die Disco-Songs aus dieser Zeit sind so stark», schwärmt die Sängerin. Die Single «Magic» erinnert im Arrangement an Giorgio Moroders «Sound of Munich».

«Das kommt alles aus meinem Inneren, es sind Songs, die ich schon so lange kenne, Lieder die wir alle lieben und auf jeder Party spielen», sagt Kylie. Sie nennt Disco-Ikonen wie Chic, Gloria Gaynor, die Bee Gees und Abba. Bewusst habe sie sich aber an niemandem orientiert. «Man kann es ja nicht besser machen. Deshalb wäre es schwierig, sich diese tollen Songs zum Vorbild zu nehmen. Dann macht man bloß eine schlechtere Version von einem großartigen Lied.»

Nur gelegentlich griff die Sängerin auf alte Videos von Earth, Wind & Fire («Boogie Wonderland») oder Ottawan («D.I.S.C.O.») zurück. «Wenn wir beim Songwriting oder bei der Produktion zu sehr in Richtung Electronica oder eines urbaneren Sounds abgedriftet sind, dann hab ich gesagt: 'Guckt euch das an, das ist die Stimmung'», erzählt sie und lacht. «Es geht nicht um Schlaghosen und Plateauschuhe. Es geht einfach darum das Gefühl zu haben, durch die Dunkelheit zu tanzen, mit all den Farben und Bewegungen.»

Klar gibt es auch Schattenseiten: Das überflüssige Auto-Tune in «Supernova» soll wohl an das eigene Werk der Jahrtausendwende erinnern, steht aber hinter damaligen Knallern wie «Your Disco Needs You» zurück. Dahingestellt bleibt auch, warum Kylie einen zurecht vergessenen Teenie-Kaugummi-Pop in «Monday Blues» aufwärmt.

Auf «Disco» wiederholt sich, was sich leider schon auf den Vorgänger-Studioalben «Golden» (2018) und «Kiss Me Once (2014) zeigte: Einen überragenden Superhit für mehr als einen Sommer oder Winter hat Kylie derzeit nicht in petto. Kein All-Time-Favourite wie «Spinning Around», «All The Lovers» oder «Slow». Ganz zu schweigen von einem zweiten «Can't Get You Out Of My Head», mit dem sie schon vor zwei Jahrzehnten auf der Disco-Welle ritt.

Kylie hat auf «Disco» an allen Songs mitgearbeitet. Auch ein Superstar muss sich in Corona-Zeiten umstellen. Für ihre neue Platte hat sie daheim in London ein eigenes Tonstudio eingerichtet, die Arbeit mit den Produzenten musste dieses Mal über die Distanz funktionieren. «Es hat uns allen gefehlt, gemeinsam im Studio zu sein», räumt die Sängerin ein. «Keiner von uns hatte vorher von zuhause gearbeitet. Aber es hat nicht geschadet.»

Zwar kommt die Platte teils etwas schnulzig daher, sie ist aber dennoch auch mitreißend und träumerisch. Minogues durchgängig glitzerndes Plädoyer für Liebe und Zusammengehörigkeit mag überinszeniert sein. Aber vielleicht ist es gerade das, was dieser triste November braucht. Clubs geschlossen, Tanzflächen leer gefegt - wie lange, weiß keiner. «Disco» bietet in der Hinsicht zwei Dinge: ein Versprechen und eine Sehnsucht.

Nach Angaben ihrer Plattenfirma hat Kylie bisher weltweit mehr als 80 Millionen Alben verkauft. Als die Grammy-Gewinnerin vergangenes Jahr als Headliner beim berühmten Glastonbury-Festival in England auftrat, bekam sie den sogenannten Legenden-Platz. «Ich weiß nicht so richtig, was ich davon halten soll», sagte sie damals fast etwas überrascht. «Ich nehm das einfach mit. Aber es ist natürlich etwas komisch, wenn man sich selbst so bezeichnet.»

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